Vom gebärwütigen Uterus zum Procreation Robot
WANDERING WOMBS ist eine Auseinandersetzung mit der GebƤrmutter: den Narrativen, die sie umgeben, und den reproduktiven Techniken, angefangen mit Platons wunderlicher Vorstellung der GebƤrmutter als einem gebƤrwütigen Lebewesen, das bei Frustration āüberall im Kƶrper herumirrtā (Timaios) bis hin zum Procreation Robot der Firma Kaiwa Technologies, der schon 2026 ein Baby austragen soll. Das immersive Musiktheaterprojekt verbindet feministische Theorie, Poesie und Performance zu einer Auseinandersetzung mit Reproduktion, Kƶrper und Technik. Das Projekt versteht sich als Beitrag zur Debatte um reproduktive Selbstbestimmung und Geschlechtergerechtigkeit im Zeitalter robotischer Schwangerschaft.
Hoelzl & ein Team aus Dramaturgie, Musik, Performance und Szenografie mit diversen kulturellen Hintergründen, Lebensaltern, GenderidentitƤt und Positionen zu Mutterschaft schafft ein vielschichtiges Werk, das kontroverse Diskurse über Mutterschaft, Geschlecht und GebƤren in einer immersiven Ćsthetik erfahrbar macht. Spielort ist der Laderaum ā ehemals Kühlraum für Fische ā des Kulturschiffs MS Stubnitz in Hamburg. Der Bauch der MS Stubnitz ist hier selbst Symbol für Bewegung und Ćbergang.
Das Projekt findet in Kollaboration mit dem Institut für Liberal Arts & Sciences (ILAS) der UniversitƤt Hamburg statt. Institutsleiterin Sophie Witt, die zu Psychosomatik (Melancholie, Hysterie) und Theater als Affektdarstellungen geforscht hat, ist als Expertin zum PublikumsgesprƤch geladen; Public Outreach Veranstaltungen am ILAS im Rahmen von Witts “Future of Health” Forschungsprojekt sind geplant.
MITWIRKENDE
Konzept & Regie; Lyrics & Stimme: Ingrid Hoelzl (Hamburg) / Dramaturgie: Soma Boronkay (Berlin) / Lyrics/Komposition & Stimme: Alyssa Warncke (Hamburg); Isabel Wamig (Köln); Komposition; Live-Electronics & Violine: Dong Zhou (Hamburg) / Kostüm & Bühne: Luca Punke (Hamburg) / Licht/Ton: Sascha Hahnrath (Hamburg) + Stubnitz Crew / Produktionsleitung: Gregory Popov (Hamburg)
ARTIST STATEMENT INGRID HOELZL
Als Theoretikerin und Künstlerin interessiert mich die Verbindung von Diskurs und Kƶrper. Der Uterus ist und war immer schon Ort patriarchaler Einschreibungen und feministischer Selbstbestimmung: das aktuelle Spektrum reicht von sich auf anzestrales Wissen berufende āParterasā und āDulasā bis zur Reproduktionsmedizin. An der aktuellen Diskussion über den Procreation Robot zeigt sich, dass *er immer noch als Androide, also als weiblich imaginiert wird, wƤhrend die künstliche GebƤrmutter als Befreiung von der Last des GebƤrens und als SchlieĆen des care-bedingten āGender Gapsā gefeiert wird. Das Projekt will diese Widersprüche in einem immersiven Musiktheater vermitteln und eine Debatte anstoĆen zu āMutterschaftā im erweiterten Sinne als lebensspendender Praxis, unabhƤngig von Uterus und GebƤrfƤhigkeit, unabhƤngig auch von Gender und Geschlecht. āErweiterte Mutterschaftā ist ein Begriff, den ich von der brasilianischen Forscherin und Regisseurin Gabriela Carneiro da Cunha übernehme und den sie in ihrer ArbeitTapajós (2025) gegen kapitalistische ānecropoliticsā ins Spiel bringt.
ARTIST STATEMENT DONG ZHOU
As a non-binary composer, my relationship with the womb has been a complex and deeply personal one. It took me many years to understand that our genders are not defined or confined by our organs. Through WANDERING WOMBS, I want to create music that inspires others to embrace this freedom: to see the body not as a limitation, but as a source of possibility. This work is also an invitation to look closer at our own physicality. By understanding the organs that make up our bodies, we can begin to see beyond them, to recognize that life, identity, and selfhood are not determined by what we have or lack. I hope my music can contribute to destigmatizing the womb, transforming it from a site of taboo and misunderstanding into one of openness and connection. The Wandering WombĀ takes its name from an ancient medical myth that associated the womb with instability and hysteria, a prejudice that continues to echo in modern medicine. My work seeks to deconstruct these lingering discriminations and create a non-discriminatory sonic aesthetics.
ARTIST STATEMENT ISABEL WAMIG
In meiner Arbeit als SƤngerin, Performerin und Komponistin verbinde ich Stimme, Kƶrper und Text als ResonanzrƤume biographischer und kollektiver Erinnerung. Ausgangspunkt ist meine eigene Geschichte als Adoptivkind ā die Suche nach Herkunft, Mutterschaft und Zugehƶrigkeit. Diese Suche wird zum Klangraum meiner Arbeit: eine fragile Spurensuche nach den Stimmen der Mütter ā der biologischen, der sozialen, der imaginƤren. FürĀ WANDERING WOMBSĀ schreibe und komponiere ich eigene poetische Texte und GesƤnge, in denen sich biographische Fragmente mit feministischen und mythischen Narrativen verweben. Ich erforsche, wie sich Mutterschaft von der biologischen Bindung lƶst ā und ob etwas verloren geht, wenn Technik versucht, diese Bindung zu ersetzen. Zwischen Uterus-Mythen, maschinischen GebƤrorganen und der Leerstelle meiner eigenen genealogischen Karte entsteht eine vielstimmige Klanglandschaft, die fragt: Kann Mutterschaft ohne Kƶrper existieren? Wo beginnt sie ā in der DNA, in der Erinnerung, im eigenen Bewusstsein, im Klang? Meine Stimme wird zum wandernden Organ ā ein Ort des Ćbergangs zwischen Kƶrpern, Zeiten und der Sehnsucht nach Ursprung.
ARTIS STATEMENT & REFERENCE IMAGES LUCA PUNKE
Für WANDERING WOMBSĀ will ich meine Auseinandersetzung mit textilen KƶrperrƤumen und feministischen ErzƤhlungen in die Gestaltung von Bühne und Kostüm einbringen. Meine Arbeit zielt auf die Transformation des Kƶrpers durch Stoff, Form und Textur und reflektiert, wie Kostüm als durchlƤssige Grenze zwischen Mensch und Umgebung wirkt. Diese Umgebung soll in WANDERING WOMBS durch Lichtprojektionen an einen Uterus erinnern ā wie der begehbare Uterus im UNIVERSUM Museum in Bremen, wo ich als Kind oft war und wo ich regelmƤĆig eingeschlafen bin. Die Performerinnen erscheinen in zwei HƤuten, einer ƤuĆeren, dem Exo-Kostüm (āWombā) aus semitransparentem Stoff und einer inneren, dem kƶrperanliegenden Kostüm aus Reflektorstoff. Der Kƶrper wird durch diesen Stoff, der normalerweise für Outdoor und Sicherheitskleidung verwendet wird, zum Reflexionsinstrument im doppelten Sinne: Er reflektiert Licht und er reflektiert die an ihn gerichteten Zuschreibungen. Der Stoff der Wombs ist etwas dicker, aber trotzdem formbar durch die sich darin bewegenden Performerinnen. Durch Lichteinsatz wird er entweder transparent und gibt den Blick auf die Kƶrper der Performerinnen frei ā oder opak und umhüllt sie wie ein Uterus. Dem dramaturgischen Konzept folgend werde ich die Kostüme von einem biologischen zu einem androiden Look führen, weil der Procreation Robot, obwohl geschlechtlos und genderneutral, ironischerweise als *weiblicher Roboter gedacht und illustriert wird. Dabei soll Humor eine Rolle spielen.

